"Artaud spricht vor den Soldaten"

Bundeskunst- und Ausstellungshalle, Bonn 1996

Unter den Füssen knirscht es, als würde man über die Dachpappe eines Daches schlürfen. Gleichzeitig schreit Artaud, der alte Theatermann, im Originalton von 1947 kurz vor seinem Tode. Ein Glashaus ist zu sehen, darauf der kurze Ausschnitt von befreiten Kindern aus dem KZ Dachau, sie lachen in Farbe. Eine weitere Projektion zeigt, in s/w, geschlagene deutsche Soldaten in der Normandie. Kinder und Soldaten sind fast gleich alt. In der Tür des Glashaus projiziert sich eine kleine Skelettmarionette, geführt von der Hand Peter Sloterdijks, was jedoch nur erkennt, wer zufällig das Fernsehporträt über ihn gesehen hat. Plötzlich bricht das Schreien Artauds ab und es beginnen mexikanische Liebeslieder. Später wird man wieder das Schreien hören, dann wieder die Lieder. Genauso wie man auf die Kinder schaut, dann wieder auf die Soldaten, dann auf den Irrwitz des Skeletts. Der Krieg ist schön und wahnsinnig zugleich. Er wippt im Takt zu Artaud und den Liebeslieder. Man kann sich für keine Seite entscheiden. Man weiss nur, dass der Krieg immer wieder auch Thema der Kunst sein wird. Es wird nicht aufhören. Jetzt schreit wieder Artaud. Man gehe, bevor die Lieder erneut ertönen.
Christoph Blase