ANALYSIS SITUS.

    ADNOTE ZUR AMPLITUDISIERUNG DES RAUMES.






    Die Versuchung, einen an der Decke herabhängenden Eisenträger als überdimensional großen
    Kleiderbügel zu identifizieren, wäre zumindest reizvoll. Perspektive, je bunter der Reigen, scheint
    alles. Nicht weniger phantastisch die Mutmaßung, es könnte sich um einen aus der schiefen Ebene
    geratenen Halbmond handeln, dessen Sichelspitzen kopfüber im Raum schweben. Daß hier von die Wirklichkeit
    verschieden ist, liegt auf der Hand. Das Avers, läßt es sich auf eine tiefere Bedeutung hin dechiffrieren,
    steht auf einem anderen Blatt. Über das prima vista hinaus erweist sich das Wahrgenommene als ein
    stetig um die eigene Achse rotierender Paraboloid. Der den flüchtigen Augenaufschlag ad hoc erhellende
    Code liest sich als Anagramm. Radio Aircraft Detecting And Ranging.
    Man schreibe die Abbreviatur, buchstabiere vor, buchstabiere zurück. Jede Gazette, wie kenntnisarm
    immer, demontiert das Silbenspiel. Lenkt man den Blick rein auf die Impression, ließe sich der Vogelflug
    assoziieren.Obschon anorganisch, weil angetrieben von einem oberhalb eines Profilkreuzes montierten Motor
    mit einer Ausgangsleistung von zwanzig Watt, wird er dennoch spürbar, jener die Unendlichkeit, das
    Absolute vortäuschende Flügelschlag. Das den Raum erobernde Segeln des Wanderalbatros, dessen
    Tragflächen, vom Rumpf an gerechnet, mit der Spannweite des Paraboloiden nahezu kongruiert.Eine vielleicht
    frappante Erkenntnis, aber eben doch nur ein Bild.Die wider den Uhrzeigersinn kreisende Richtantenne greift
    weit darüber hinaus. Primär-Radar lautet das Stichwort.Elektromagnetische Wellen, dienstbar
    gemacht der Ortung mehr oder weniger mobiler Objekte.
    Primärstrahlung, Sekundärstrahlung. Moving Targets. Das Prinzip ist denkbar einfach. Über
    den Impulsgenerator in Impulse von wenigen tausendstel bis millionstel Sekunden Dauer zerhackte Wellen bestimmter
    Wellenlänge. Ausgesandt in den Raum, werden sie pro Sekunde einige tausendmal wiederholt. Man spricht
    von Impulsfolgefrequenz. Der Invisiernahme des Zieles auf der Bildröhre, verzögert um den Bruchteil
    einer Millisekunde, steht nichts mehr im Weg. Wie es hineinruft, so schallt es heraus. Doch der Schein trügt.
    Das Bekannte, weil es bekannt ist, ist nicht erkannt. Jene konzentrisch über den Raum verteilten Monitoren,
    eingepaßt in die Tiefe dreier kubusähnlicher Aufbauten, die eine mechanische Aufwärtsbewegung
    simulieren, aber nichtsdestotrotz völlig statisch sind, sprechen eine andere Sprache. Man vermißt
    den für das Déja-vû-Repertoire signifikanten Sternschreiber. Kein das Panorama auf Zielverdächtiges
    hin abtastender Elektronenstrahl, der auf dem kreisrunden Bildschirm die immergleichen Bahnen beschreibt. Statt
    dessen expressiostische, an Computertomographien gemahnende Farbraster. Auf dem Display als nicht leicht
    entzifferbarer Fingerzeig Tiefenskala, Temperaturanzeige sowie Hinweise auf die Knotengeschwindigkeit. Man könnte
    meinen, der um seiner selbst willen pandemisch um sich greifende Nonsense Duchamp sagte, science amusante.
    Auf halbem Weg gedacht, trifft weder das eine noch das andere zu. Unter technischen Gesichtspunkten ist
    der Entwurf mehr als stimmig. Die mit Zentimeterwellen (shf) arbeitende Radarortung bedarf bei einer Frequenz
    von 3-30 GHz einer Minimaldistanz von knapp zehn Metern. Orientiert man sich an dem vom Zentrum der Ausstellungsfläche
    ausstrahlenden Anpeilradius, muß eine Verringerung der Frequenz um der Erreichbarkeit des Zieles wegen
    einleuchten. Langwellen (If) schwingen bei 30-300 kHz und liegen damit im Ultraschallbereich. Sound Navigation
    And Ranging.Über einen magnetostriktiv wirkenden Schwingungserzeuger emittierte Impulse visieren ein
    schallreflektierendes Objekt. Die Speicherung der Laufzeit von ausgesandter und wieder zurück geworfener
    Schwingung realisiert die Dekodierung der jeweils bestehenden Distanz.Im Computerjargon ließe sich sagen, Input
    und Output. Sucht man der Anschaulichkeit halber den Vergleich, operiert das Sonar mit einem ähnlich
    reagierenden Warnsystem wie die Gattung der Rhinolopoiden.
    Durch ihre Nasenlöcher, die an einen veränderbar fokussierenden Trichterlautsprecher erinnern, stößt
    die Fledermaus hochfrequente Sinusschwingungen aus, welche eine strategisch sinnvolle Ortung des Feindes
    ermöglichen. Die Hufeisennase mit einer Schwingungskapazität von durchschnittlich 80-100 kHz befindet sich so etwa
    auf derselben Wellenlänge wie ein handelsübliches Echolot von 50-200 kHz. Das entspricht, unter Berücksichtigung
    der Fortpflanzungsgeschwindigkeit der Ultraschallwelle im Bereich der Luft, einem Erfassungsradius, der bereits
    bei wenigen Zentimetern einsetzt und sich über eine Länge von fast hundert Metern erstreckt.
    Der Kreis schließt sich. Sonar statt Radar. Moving Targets. Man könnte meinen, Eulen nach Athen zu
    tragen, weil der Kunstgriff, das technisch Unmögliche dennoch möglich zu machen, das Eigentliche verfehlt.
    Simulation im Kreuzfeuer des Verifizierbaren. Duchamp sagte, science amusante.
    Bleibt die Frage, wohin die Reise geht.Tatsächlich dient das Szenarium der
    Ortung mehr oder weniger mobiler Objekte. Doch wäre es nur dies,reichte es über den artistischen Vorwand
    nicht hinaus. Wer immer den Raum betritt, goutiert das Erfassen. Aber genauso wie die sich unaufhörlich
    um die eigene Achse drehende Richtantenne kommt man nicht wirklich von der Stelle. Versteift sich das Auge
    auf die Monitoren,hat die Zielfahndung wenig Sinn. Wie penetrant der sich einschleichende Virus auch sein
    mag,die Sichtung bleibt folgenlos. Realität besitzt ihre Wahrheit allein unter dem Blickwinkel des Absurden.
    Je größer die vermeintliche Bedrohung, desto bestimmter die Gewißheit, daß der Flaneur
    sich daran reibt. Der Schein, begriffen als ästhetisches Moment, macht die Musik.Der Ort ist museal, aber von
    kultischer Präsens. So das Diktum des Architekten Akropolis raunen die einen, freezing die anderen. Soll
    das Konservieren nicht zum Schnörkel verkommen bedarf es zumindest der Skepsis. Das Heilige als bloßer
    Annex, das wäre wie ein Blinder ohne Krücken. Vorstellbar ist, bezogen auf die Amplitudisierung des
    Raumes, kein noch so subtiler Bewegungsablauf, der den ausgesandten Wellen nicht zum Opfer fiele. Die
    über den Bildschirm wandernden Farbraster signalisieren Perfektion. Doch man sucht nach dem Feind.Bei Licht
    besehen, kann er nur der sein, der den Raum inspiziert. Der Platitüde nach dem Mund redend, ließe
    sich sagen, Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Begibt man sich dagegen auf die metaphorische Ebene,
    liest sich der Vorgang als Aufforderung. Den Raum ohne der Gefahr zu erliegen, der Gewohnheit anheimzufallen.
    Der Gral nicht weniger als der Fetisch verlangen nach Transparenz. Der Anspruch, je bequemer er sich gebärdet,
    kann ihre Sache nicht sein. Die Sprache, wie jede durch einen elektrischen Impuls erzeugte Welle auch arbeitet
    mit Schwingungen.Die vom menschlichen Ohr als Schall wahrgenommenen mechanischen Schwingungen erstrecken
    sich auf einen Hörbereich von 16-20000 Hz.Will man den Vergleich, geht daraus hervor, daß der
    Rezeptionsmodus weit unter dem Frequenzbereich der Echolotung rangiert Das Erfassen, zumindest auf kommunikativer
    Ebene, findet nicht statt.Physikalisches Know-how demnach als Zwischenträger symbolisch gemeinter Unterwanderung?
    Duchamp sagte, science amusante. Jede Welle besitzt eine dem jeweiligen Bezugssystem, in dem sie sich
    fortbewegt, angemessene Länge. Jeder Sender sendet auf einer anderen Frequenz.
    Daher die Floskel, man befinde sich auf gleicher Welle.
    In diesem Sinne talk softly please.



    DAVID NIEPEL 1988