Klaus vom Bruchs Videoprojektion zu Wolfgang Rihms "Séraphin Spuren"


    Manchmal, so schreibt Artaud in Le Théâtre de Séraphin, sei das Neutrale nicht vorhanden. "Es ist ein Neutrales der Ruhe, des Lichts, kurz, des Raumes.", so definiert er dessen Wesen, in welchem verborgen der Wille läge, der auf Krieg aus sei. Klaus vom Bruchs szenische Installation zu Wolfgang Rihms Komposition beginnt mit der Abmessung des eigenen Körpers und unterbricht somit, wie auch Artaud in seinem Text, dies Neutrale mit dem männlichen Prinzip, dem ein weibliches entgegengesetzt ist, um sich schliesslich mit ihm zu verbinden.
    Als Fortführung der ersten gemeinsamen "Séraphin"-Arbeit mit Musik und Videoprojektion (Séraphin - Versuch eines Theaters", Uraufführung am 07.09.1994 in Frankfurt, Leitung Manfred Reichert), inspiriert durch Artauds Text, lassen sich hier die Spuren des Themas wieder aufnehmen, das dem Theater und seinem Double ein in sich gespiegeltes Bild entworfen hatte. Ein Bild, das sich in steter Bewegung atmend auf sich selbst zu bewegte und von sich selbst weg entfernte. Die divergierenden Pole, deren gegenseitiges Empfangs- und Sendungsvermögen zuerst als Ort der Bilder gezeigt wurde, locken sich jetzt in Gestalt übergrosser ins Bild gehobener Körperfragmente des Mannes, sich im Blick auf sich selbst der Kamera zudrehend und der Frau, deren pulsierende Haut von ihm begehrlich abgetastet und zugleich erkundend zu eigen gemacht wird, als gälte es seine Formen dem visuellen Gedächtnis einzuschreiben.
    Aufgenommen von der Kreisbahn eines Rades, das der Künstler im Atelier um sein Modell gebaut hat, sieht das Auge der Kamera das Objekt mit der abstossenden Distanz sich anziehender Gestirne. Den wahren Leib jedoch berührt es nicht. Die Jungfräulichkeit der Braut bleibt, wie bei Duchamps Grossem Glas, unverletzt von dem Junggesellen, der seine Schokolade selber reibt; denn die Braut lässt sich nicht greifen. Als Betrachter sind wir selbst zum voyeuristischen Komplize geworden, der durch die Jalousie hindurch auf das Bild, das Objekt der Begierde, blickt.
    Ohne materielle Anstrengungen, allein durch seine bildpoetische Phantasie baut Klaus vom Bruch in der Kontinuität seiner Werkgenealogie aus dem elektronischen Medium, dem Videobild, die Illusion einer dreidimensionalen Figur, deren Konstruktion durch die Montage Stabilität erhält. Der Wechsel der Schnitte und unsere Einbildungskraft setzen die Skulptur mit ihren sich im atmenden Rhythmus bewegenden Teilen zu einem plastischen Ganzen zusammen. Das tote Material möge belebt werden.
    Der Zeit der visuellen, entkörperlichten Reizüberflutung hält Klaus vom Bruch scheinbar eine Bildlichkeit des Physischen entgegen, an der er den eigenen Körper wie auch sein Modell misst. Er reizt mit der Augenmacht der Erotik. Doch er gebiert nur eine weitere Junggesellenmaschine, denn das Bild, immateriell, entzieht sich und entschwindet. Es scheint, als bliebe nurmehr noch das unbefriedigte Verlangen zurück nach der verlorengegangenen Einheit eines ganzheitlichen Erlebens, für das der Körper einst als Zufluchsort galt. Aber mit der inszenierten Leiblichkeit beschwört Klaus vom Bruch eben beides zugleich: An- und Abwesenheit des Frauenkörpers, der zugleich auch für das Bild selbst stehen mag. Was aber bleibt, ausser dem artikulierten Notstand, das ist die Konstruktion einer Idee: Mit der Sehnsucht, den begehrten Körper beleben zu wollen, beginnt das Aufbegehren gegen die Tatsachen. Aus der Anziehungskraft der Pole zwischen Mann und Frau modelliert Klaus vom Bruch das immaterielle Bild der Idee von Krieg und Liebe, welche beide Ausdruck des Imaginären sind und die Montage an eine ausserbildliche Wirklichkeit binden.



    Sassa Trülzsch, Nov.1996